Hafer, Avena sativa

Da der Hafer zur Arzneipflanze des Jahres 2017 gewählt wurde, muss er natürlich hier erwähnt werden.

Er gehört zu den Süßgräsern, Poacea und kommt besonders auf karge Böden vor.

Im Gegensatz zu Weizen, Roggen oder Gerste (auch Süßgräser wie der Hafer) bildet der Hafer seine Körner nicht in Ähren, sondern in vielfach verzweigten Rispen aus, weshalb eine Haferpflanze weniger Ertrag liefert und schwerer zu ernten ist. Zudem sind die Körner von Spelzen umschlossen, die durch einen besonderen Mahlgang entfernt werden müssen.

Verwendet werden die Früchte (Korn, Avenae fructus), das Stroh (Avenae stramentum) und das Kraut (Avenae herba).

Āyurvedische Einteilung:
Rasa (Geschmack): madhura (süß)
Guņa (Eigenschaft): guru (schwer)
Uşņa vīrya (wärmende thermische Potenz)
Madhura vipāka (süße Wirkung nach der Verdauung)
Doşa: Vāta Pitta erhöhend, Kapha reduzierend; gekocht: Vāta Pitta reduzierend, Kapha erhöhend

Die verschiedenen Anteile des Hafers werden unterschiedlich eingesetzt und sollten daher einzeln betrachtet werden:


Haferstroh (Avenae stramentum):

Das Stroh wird vorwiegend als Bad eingesetzt. Es hilft dabei gegen Juckreiz und entzündliche Hautkrankheiten.

Die Kommission E hat eine Positiv-Monographie für das Stroh erstellt, bei entzündlichen und seborrhoischen Hauterkrankungen speziell mit Juckreiz

Der schöne Spruch, der häufig in Poesie-Alben zu finden ist, lässt sich leider wissenschaftlich nicht belegen (es ist keine stimmungsaufhellende Wirkung nachgewiesen):
Lebe lustig, lebe froh
Wie der Mops im Haferstroh.

Von alters her gelten allerdings Matratzen mit Haferstroh-Füllung als schlaffördernd und wohltuend, besonders bei rheumatischen Beschwerden.


Haferfrüchte (vollreifes Korn):

Inhaltsstoffe: 100 g Haferflocken enthalten etwa 4,5 g Beta-Glucane, Haferkleie etwa 8g.

Ca. 55 g Kohlenhydrate, 12-24 g Eiweiß, 10 g Ballaststoffe (50% Beta-Glucane), 7-18 g Fett (davon 70-80% ungesättigte Fettsäuren), 2,9 g Mineralstoffe und Spurenelemente (Kalium, Magnesium, Calcium, Eisen, Zink, Mangan, Kieselsäure), Vitamine B1, B2, B3, B5, B6, Folsäure, Vitamin E, Phytinsäure, Saponine

Die Wirkungen vorwiegend der Beta-Glucane sind cholesterinsenkend, blutzuckersenkend, Gallensäure-bindend, muskelaufbauend, wärmend, krebshemmend, immunmodulatorisch und verdauungsfördernd. Daher sind Haferflocken in der Ernährung sehr empfehlenswert.

Die Fähigkeit der Beta-Glucane, Gallensäuren zu binden, führt vermutlich zur Ausscheidung von Cholesterin, was zu Senkung des Gesamt- sowie LDL-Cholesterinspiegels führt. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat deshalb im Jahr 2011 bestätigt, dass der Verzehr von Beta-Glucan aus Hafer zur Senkung des Cholesterinspiegels beitragen kann.

Die Ballaststoffe verzögern die Aufnahme ins Blut. Dies führt zu einem weniger starken und zeitverzögerten Anstieg des Blutzuckerspiegels und einer entsprechend geringeren Ausschüttung von Insulin. Eine Studie hat ergeben, dass die Insulingabe bei Patienten mit einem hohen Insulinbedarf nach 2 Hafertagen um bis zu 30% gesenkt werden kann. Der positive Effekt soll bis zu 4 Wochen bemerkbar sein.

Die „Hafertage“ wurden 1902 durch den Arzt Carl von Noorden eingeführt. Die Patienten bekommen 3-4 Tage lang täglich 200-250 g Hafer verteilt auf alle Mahlzeiten.

Der Brei kann als wärmender Umschlag bei Atemwegserkrankungen auf die Brust gelegt werden und lässt Abszesse und Schwellungen abklingen.


Haferkleie

Haferkleie ist ein spezielles Mühlenerzeugnis, das aus Haferkernen für die menschliche Ernährung hergestellt wird. Sie besteht vorrangig aus den nährstoffreichen Bestandteilen des Haferkorns. Sie enthält fast doppelt so viel Beta-Glucan wie Haferflocken. 4 Esslöffel Haferkleie (40g) entsprechen 3,2g Beta-Glucan, damit wird ein cholesterinsenkender Effekt erreicht.


Hafermilch

Haferkörner werden entspelzt, mit Wasser vermengt und gemahlen. Die Masse wird homogenisiert und die festen Bestandteile herausgefiltert (zu den Filterrückständen gehört die Haferkleie). Durch Zugabe von Pflanzenöl wird der Extrakt emulgiert, wodurch die weiße Farbe entsteht.


Haferkraut (Avenae herba, Grüner Hafer):

Zur Gewinnung des Haferkrauts wird der Hafer vor seiner Blüte geerntet.

Eine weiße Hafersorte aus Frankreich weist einen besonders hohen Anteil an Flavonoiden und Saponinen auf. Er wird besonders jung geerntet und durch ein spezielles Extraktionsverfahren aufgereinigt und ist dadurch frei von Proteinen und Gluten.

Klinische Studien weisen auf eine Verbesserung von Aufmerksamkeit und Konzentration unter einer Behandlung mit Hafer-Extrakten hin.

Indikationen für das Haferkraut sind vorwiegend Hautkrankheiten, aber auch Spannungs- und Erregungszustände.
Die Kommission E hat eine Negativmonographie herausgegeben, da die Wirkung nicht ausreichend belegt ist.
Grüner Hafer als Tee kann das Ausschwemmen von Stoffwechselprodukten, z. B. Harnsäure fördern.

Ob Menschen mit Zöliakie zu Haferprodukten greifen können, ist nicht völlig geklärt. Krankheitsauslöser sind die Prolamine, im Hafer das Avenin, das jedoch nur zu 15% im Gluten des Hafers enthalten ist. Damit ist der Problemanteil im Hafer kaum höher als bei Hirse, Mais und Reis, die als glutenfrei gelten; in Weizen, Roggen und Gerste liegt er dagegen bei 34-50%.

Galen sagt, dass er nur eine Nahrung für Tiere sei und von Menschen bloß bei großem Mangel und Hungersnot gegessen werde. Dioskurides rühmt den Haferbrei gegen Durchfall und den Haferschleim bei Husten. Hildegard von Bingen: Hafer ist eine beglückende und gesunde Speise und bereitet einen frohen Sinn und reinen und klaren Verstand.

Der Hafer wird schon sehr lange angebaut, daher hat er viele mythologische Bedeutungen und ist von Sagen umrankt:
„Der Hafer gedeiht, wenn der zur Aussaat gehende Bauer mit Wasser bespritzt wird.“

Wie viele andere Körnerfrüchte spielt der Hafer (bzw. sein Korn) in Fruchtbarkeitsriten eine bedeutende Rolle, auch das Haferstroh ist ein aphrodisisches Symbol.

Viel Vergnügen mit der Arzneipflanze des Jahres 2017.

Dr. Kalyani Nagersheth


Quellen:

  • Doris Grappendorf;
  • Schilcher et al., Leitfaden Phytotherapie
  • Talati R et al., The effects of barley-derived soluble fiber on serum lipids. Ann Fam Med 2009; 7: 157-165
  • Kraft K. Phytotherapeutische Optionen bei Fettstoffwechselstörungen. Zeitschrift für Phytotherapie 2013; 34: 12-15
  • Mayer J. Arzneipflanze des Jahres 2017. Der Saathafer – Avena sativa. Zeitschrift für Phytotherapie 2016; 37: 262-263 Forum
  • Claudia Ritter, Heimische Nahrungspflanzen als Heilmittel, AT-Verlag
  • Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens
  • Blaschek W. Wichtl – Teedrogen und Phytopharmaka. Ein Handbuch für die Praxis
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